Prof. Dr. Michael Scholz-Hänsel

Studium der Kunstgeschichte, Hispanistik, Geschichte und Theaterwissenschaft in Berlin und Hamburg. Seit 2011 Professor an der Universität Leipzig. Zahlreiche Studienreisen nach Spanien und Italien, u. a. auf den Spuren Leonardos sowie mit Seume nach Syrakus.

Prof. Dr. Michael Scholz-Hänsel
schreibt eine Rezension zu  Thea Schleusner.  Ein Leben für die Kunst. Ihre expressiv  symbolistischen Welten. Eine Werkschau. Hrsg. v. Naser-Stiftung der (wieder)entdeckten Kunst, Lutherstadt Wittenberg 2024. ISBN 978-3-00-079481-0 

Ausstellung und Katalog 

Zur Jahreswende 2024/25 fand in Lutherstadt Wittenberg eine große Werkschau der bislang wenig bekannten Künstlerin Thea Schleusner statt. Gleich an vier zentralen Veranstaltungsorten waren Arbeiten von ihr zu sehen. Das Projekt verdankte sich der Naser-Stiftung, die sich schon wiederholt für die (Wieder)-entdeckung verloren geglaubter Kunst Verdienste erwarb. Kooperationspartner waren die Städtischen Sammlungen Wittenberg, die Cranach-Stiftung und die Stiftung Christliche Kunst. Der Ausstellung gingen umfangreiche Recherchen voraus, und noch bis zur Eröffnung konnten weitere Werke lokalisiert werden. Die Ergebnisse flossen in einen opulenten Katalog ein, der neben gutem Bildmaterial auch umfangreiche Texte verschiedener Autor:innen und ein erstes Werkverzeichnis beinhaltet. 

Die Malerin war 1879 im Haus eines Theologen in der Stadt des Reformators geboren worden und starb 1964 in Berlin. Sie gehört zur sogenannten „Verlorenen“ oder auch „Verschollenen Generation“ von Künstlerinnen, deren Karriere durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen wurde, und die oft bis heute auf ihre Anerkennung warten. 

Dabei lief es in den 1920er Jahren nicht schlecht für die Künstlerin Schleusner. Sie erhielt u. a. eine Ausbildung bei dem wichtigen Berliner Porträtisten Reinhold Lepsius und suchte 1902/03, ähnlich Paula Modersohn-Becker (letztere hatte verschiedene Aufenthalte zwischen 1900 und 1906), Anregungen in Paris. Weitere Auslandsstationen in den frühen Jahren bildeten mehrere Reisen nach Italien und ein Aufenthalt in London. 1906 wurde sie Mitglied des Vereins Berliner Künstlerinnen und war in der Folge immer wieder mit einzelnen Werken auf Ausstellungen vertreten. In diese Zeit datiert auch ihre Bekanntschaft mit Emil Nolde und dessen Ehefrau Ada, mit denen sie bis 1928 einen regen Briefverkehr unterhielt. Ein Ergebnis dieser Künstlerinnenfreundschaft bildeten zwei Porträts, die Nolde schon 1908 von der angehenden Malerin anfertigte, und die sich bis heute in seiner Stiftung in Seebüll befinden sowie im Gegenzug zwei Bildnisse der beiden, ausgeführt von Schleusner, die Eigentum der Kunsthalle Kiel sind. Die Ergebnisse (alle 4 Porträts sind im Katalog abgebildet) könnten nicht unterschiedlicher sein.

Schleusner war aber nicht nur Malerin, sondern sie profilierte sich auch in anderen Medien. So dekorierte sie Anfang des vergangenen Jahrhunderts zahlreiche Bücher mit Jugendstilillustrationen, arbeitete in London als Bühnenbildnerin, beschäftigte sich mit dem neuen Ausdruckstanz Mary Wigmans und schuf Hinterglasmalereien. Entsprechend ihren zahlreichen Reisen nahm sie vielfältige künstlerische Anregungen auf, wobei Van Gogh sie besonders beeindruckt zu haben scheint. Jedenfalls schrieb sie wahrscheinlich in den späten Zwanzigerjahren einen Reisebericht „Auf Van Goghs Spuren in der Provence“, der eine weitere nicht zu unterschätzende Qualität der Künstlerin offenlegt: ihre Fähigkeit über Kunst zu reflektieren und dies in eine literarische Form zu übertragen. Daher wüsste man auch gerne mehr über die bisher nicht edierten, aber erhaltenen Briefe an das Ehepaar Nolde. 

All diese Faktoren zeigen Schleusner auf einer Ebene mit Künstlerinnen, die in den letzten Jahren zu Recht eine Wiederentdeckung erfuhren, wie Sabine Lepsius oder die Malerinnen vom Schwielowsee, der sogenannten “Havelländischen Malerkolonie“ (etwa Julie Wolfthorn), um nur zwei Beispiele zu nennen. Aber es gibt noch einen Punkt, der sie heraushebt und mehr Aufmerksamkeit verdiente. Denn ihre Reiselust führte sie endlich dorthin, wo die Lebensreformer um 1900 einst das Paradies vermuteten, auf den Indischen Subkontinent. Anders als die Franzosen haben deutsche Künstler Europa nur selten verlassen, wie Christoph Otterbeck sachkundig aufgearbeitet hat. Das deutsche Kolonialreich kam spät und war schnell wieder zu Ende. Nolde schaffte gerade noch eine Reise in die Südsee, bevor der Erste Weltkrieg begann. Schleusner aber erfüllte sich einen Lebenstraum, als sie 1938 für einige Jahre nach Ceylon, dem heutigen Sri Lanka ging. Der Philosoph gilt im eigenen Land nur wenig und viele Künstlerinnen hatten ihren Durchbruch im Ausland. Für Schleusner war der Aufenthalt in Ceylon ambigue. Einerseits entging sie, die Mitglied in der Reichskulturkammer der bildenden Künste war, dem Druck nationalsozialistischer Ästhetik, andererseits war sie zu wenig bekannt und vor allem zu schlecht vernetzt, um bei ihrer Rückkehr und nach dem Krieg an ihre Vorkriegskarriere anknüpfen zu können. 

Bereits 1926 hatte die berühmte deutsche Gartenhistorikerin Marie-Luise Gothein ihr Buch „Indische Gärten“ publiziert. Bis heute wird darüber spekuliert, ob es sich um einen Reisebericht handelt oder ob die Autorin selbst vor Ort war. Tatsache ist, dass es unter den „Neuen Frauen“ der 1920er Jahren einige gab, die sich allein in die Fremde begaben, und dass dieser Aspekt einer feministischen Kunstgeschichte bisher zu wenig Aufmerksamkeit erfahren hat. Im Falle von Schleusner können wir indes über ihre Asienerfahrung sicher sein, denn sie gestaltete sehr realitätsnahe Reiseeindrücke und schuf einen ganzen Zyklus zu den sechs Indischen Jahreszeiten. Vor allem aber kam das Land ihrem Interesse an kräftigen Farben, exotischen Blüten und einer spirituellen Religion entgegen, womit wir wieder bei den Lebensreformern sind. Ein gutes Beispiel liefert ihr Werk: „Kanon – Die Göttin der Barmherzigkeit“.

Was bleibt einem von der Ausstellung am meisten in Erinnerung? Schleusner begann als klassische Porträtistin. An einer der ersten Wände hing ein Bildnis des Sanskritforschers Albrecht Weber (schon hier Indien!) und 1902 entstand im selben Leibl-Stil das Porträt ihres Vaters Georg Schleusner, dessen Förderung sie viel verdankte. Posthum schuf sie 1936 eine zweite Version. Auch für das Cover des Kataloges wurde ein Selbstporträt der Künstlerin (von 1905) gewählt, das Entschiedenheit vermittelt. Später entstanden viele Porträts im Stil der Neuen Sachlichkeit, die nicht nur an Christian Schad, sondern auch an Frida Kahlo denken lassen. Diese Arbeiten waren zum Teil Auftragswerke, mit denen die Künstlerin ihren Unterhalt finanzierte, aber sie sind von erstaunlicher Ausdruckskraft, und es gibt darüber hinaus eine ganze Reihe anonymer Porträts, in denen ihre Reiselust durchschlägt (Sizilianisches Mädchen, Altindische Hindufrau etc.). In der Porträtkunst, die sie selber für sich hervorhebt, liegt also sicher eine ihrer bleibenden Leistungen, auch wenn sie in vielen anderen Gattungen ebenfalls reüssierte.  

Auffällig ist, wie in ihrem Repertoire die Frauen dominieren, doch scheint dies auch ihren vorrangigen sozialen Kontakten entsprochen zu haben. Sie wollte der „Frauenkunst“ ganz offensichtlich ein neues Gewicht geben. Wichtig sind schließlich die allgegenwärtigen, spirituellen Anklänge. Ganz im Sinne der Lebensreform transportiert sie dabei eine christliche Symbolik, wie sie sie sicher in ihrem Elternhaus mitbekommen hatte, in eine allgemeine religiöse Sphäre, vornehmlich mit Anklängen an den Buddhismus. Mit dieser Art Kunst bewegte sie sich vor allem in der Nazizeit am Rande der Legalität. Damals wurde verlangt, dass man ihren in Wittenberg öffentlich präsentierten Zyklus „Kriegsvisionen“ (1916-18) abhängte. Ursprünglich entstanden als Reaktion auf die Schrecken des Ersten Weltkrieges, galt er nun als entartet; vielleicht auch weil eine der Darstellungen zu sehr an Franz Marcs berühmten „Turm der blauen Pferde“ erinnerte. Bei den Formen orientiert sich die Künstlerin auch sonst an den jeweils herrschenden Vorbildern und bezieht zum Beispiel bei ihren religiösen Werken Bildideen El Grecos ein. Ungewöhnlich für einen protestantischen Haushalt ist das reichlich fließende Blut bis hin zu blutigen Tränen. 

Als Schleusner letztlich aus finanziellen Gründen nach Berlin zurückkehrte, musste sie erleben, wie ihr Atelier in den letzten Kriegstagen vernichtet wurde. Sie hat daraufhin einige ihrer wichtigsten Vorkriegsbilder noch einmal neu gemalt. Auch dies ein bemerkenswerter Vorgang, der mehr Nachforschungen verdiente. Trotz dieses schmerzhaften Verlustes, ist es der Naser-Stiftung gelungen eine beträchtliche Anzahl an Werken zusammenzutragen, die nach inhaltlichen Gesichtspunkten auf die vier Ausstellungshäuser verteilt waren. Die Fülle des Materials, die unterschiedlichen Techniken, vor allem aber die Pracht der Farben wirkte mitunter erschlagend. Nicht alle gezeigten Werke waren von gleichem Niveau, aber darin lag auch ein besonderer Reiz der Schau. Denn auch im Falle kanonisierter Künstlerinnen gibt es Qualitätsunterschiede, nur sind die schwächeren Beispiele in der Regel nicht zu sehen. So wünscht man sich jetzt viele weitere Ausstellungen bzw. Ausstellungsbeteiligungen dieser ungewöhnlichen Künstlerin, gerne aber mit einer stärkeren Auswahl. Dafür könnte der erwähnte, hervorragend gemachte Katalog eine gute Grundlage bilden.

Bei diesem gibt es einen spannungsvollen Wechsel von Text- und Abbildungsteilen. Rainer Naser stellt seine Stiftung vor und gibt zusammen mit Ernst Fermen eine ausführliche Einführung in Leben und Werk von Schleusner. Die Kuratorin Monika Kaiser liefert daran anschließend eine kunsthistorische Einordnung. Auch ein originaler Text von Schleusner zu Van Gogh findet sich abgedruckt. Eine Liste der ausgestellten Werke sowie ein Verzeichnis der Ausstellungen, Publikationen und Radiosendungen zur Künstlerin rundet diese Veröffentlichung in gelungener Weise ab.  

Dr. Carola Muysers,

promovierte Kunsthistorikerin, Kuratorin, Autorin und Beraterin hat zu der Künstlerin Thea Schleusner, im Nachgang zu der Kunstausstellung (in 4 Museen der Lutherstadt Wittenberg) über den Ausstellungsbegleitband" Ein Leben für die Kunst. Die expressiv symbolistischen Welten der Thea Schleusner", eine Rezension geschrieben.